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Was wir von StartUp Culture lernen können – und was nicht.

Die deutsche Wissenschaftskommunikation hat ein Problem – ihr gelingt es nicht, ihr angestaubtes, behäbiges Image abzuschütteln. Es gibt zwar dutzende Ausnahmen, die diese steile Regel These bestätigen, doch zu viel Wissenschaftskommunikation in Deutschland bleibt auf ausgetretenen Pfaden.

Das mache ich vor allem an meiner eigenen Disziplin, der Pflanzenforschung, fest: Seit Jahrzehnten gelingt es nicht, einen aufgeklärten Diskurs zur Gentechnik und verwandten Technologien in Deutschland zu etablieren. Das geht so weit, dass große politische Entscheidungen gegen die wissenschaftliche Fachmeinung getroffen werden. Das ist auch ein Versagen der Wissenschaftskommunikation.

Auch andere Forschungsfelder haben ihre Probleme: Klimaforscher*innen, beispielsweise, müssen zusehen, wie die Gesellschaft immer wieder gegen den wissenschaftlichen Konsens handelt. Computerwissenschaftler*innen können nur mit dem Kopf schütteln, wenn jedes kleine Stückchen Code heutzutage “künstliche Intelligenz” genannt wird. Und die einzige Frage, die man Geisteswissenschaftler*innen zu ihrer Arbeit stellt, ist “Und wie lebt man davon?”

So geht es nicht weiter.

Wir müssen Wissenschaftskommunikation neu denken.

Damit meine ich nicht, dass wir alles bisher dagewesene wegschmeißen sollen. Stattdessen möchte ich von meinen Erfahrungen mit der Startup-Culture berichten und zeigen, was wir von dieser lernen können – und was lieber nicht.

Flache Hierarchien, klare Verantwortung

In Startups (ein Begriff, den ich hier extrem weit gefasst verstehe, auch etablierte Agenturen können wie Startups handeln) hingegen finden sich Akteur*innen in sehr flachen Hierarchien und eigenständige, selbstverantwortliche Arbeit ist der Standard. Die meisten Entscheidungen werden nur im engsten Umfeld diskutiert und eine Freigabe von Chef*innen ist nur in Ausnahmefällen nötig.

Das bedeutet nicht, dass eine Person komplett allein über ein Projekt entscheidet. Vor Projektstart, während des Projekts und auch nach Abschluss wird in Teams (inklusive Führungspersonal) klar definiert, was mit dem Projekt erreicht werden soll und welche Methoden dafür eingesetzt werden. Dazwischen allerdings steht es den eigentlichen Akteur*innen frei, Detailentscheidungen zu treffen.

Dem Gegenüber steht die eher traditionelle Arbeitsweise in der Wissenschaftskommunikation. Die Arbeit dort findet unweigerlich in institutionellen Strukturen statt, denn dort finden sich Finanzierung und Forschungsinhalte. Nun arbeiten auch klassische WissKomm-Büros größtenteils eigenverantwortlich. Meiner Erfahrung nach werden aber immer noch eine Vielzahl von Entscheidungen von oben nach unten getroffen – besonders die Projektträger*innen reden gerne ein Wörtchen mit. Das kann bremsen, frustrieren und im schlimmsten Fall verhindert es Innovation. Denn die Entscheider*innen ein paar Ebenen weiter oben haben oft nicht den Einblick, die Expertise oder den Mut eine riskante Entscheidung zu treffen – sie lassen lieber alles beim Alten.

Es ist nicht einfach, diese Hierarchien aufzubrechen. Vieles braucht seine Zeit – WissKomm-Arbeiter*innen müssen immer wieder beweisen, dass eine enge Aufsicht sie behindert und nicht befähigt. Nach und nach können sie sich so Freiräume erarbeiten. Es ist dringen nötig, dass die Förderungsvergabe überdacht wird. Anstatt vor Projektbeginn jede Ausgabe und jeden Projektpunkt detailliert festzuschreiben, sollten Ziele und Konzepte beschrieben werden. Dann können die WissKomm-Teams den Weg zum Ziel in Eigenverantwortung bestreiten.

Neue Methoden, kritische Evaluation

In Startups ist es gang und gäbe, neue Methoden für neue Projekte einzusetzen. Insbesondere in den Bereichen Zusammenarbeit und Projektorganisation klafft eine riesige Lücke zwischen dem, was in stereotypen Berlin-Mitte Büros abläuft und dem, was in Universitäten und Instituten genutzt wird. Der Design Sprint, zum Beispiel, ist nur eine von vielen Methoden, die Projektarbeit um ein Vielfaches effektiver gemacht haben. In einem Sprint wird in einer Woche ein klar definiertes Ziel angegangen und Prototyp der Lösung entwickelt. Aus dem Prototypen wird dann in der Folge ein fertiges Produkt – Sei es Ausstellung, Website oder Druckerzeugnis. Durch einen engen Fokus, eine klare Struktur und Kooperation kann ein Team mit dieser Methode schnell und effektiv Entscheidungen treffen und Projekte planen.

Doch funktionieren Experimente mit neuen Methoden nicht ohne Evaluation. In (erfolgreichen) Startups wird jede neue Methode im Nachgang intern evaluiert – hat sich der Aufwand gelohnt, was muss verbessert werden, was hat richtig gut geklappt? Dadurch lernen Designer*innen dazu und finden die Methoden, die zu ihrer Arbeit passen.

Als Anfänger*in in dem Gebiet ist es sinnvoll, erst einmal ein paar Elemente in ein neues Projekt einfließen zu lassen. Ich selbst habe im Projekt erforschtCRISPR, für das ich maßgeblich verantwortlich war, einen Workshop im Stil eines Design Sprints entworfen und durchgeführt. Dabei habe ich nicht nur viel über die Workshop-Teilnehmenden gelernt, sondern auch eine Reihe von Methoden ausprobiert, die ich nur von Design-Workshops kannte. Im Anschluss habe ich dann mit den Teilnehmenden über ihre Erfahrungen gesprochen. Zu meiner Freude kam der Workshop sehr gut an und im Team entschieden wir uns, solche Methoden öfter anzuwenden.

Alte Zöpfe abschneiden

Manchmal merkt man aber auch, dass ein Projektteil einfach nicht funktioniert. Man versucht, mit kleinen Änderungen gegenzusteuern, aber am Ende steht doch fest: die Grundidee war nicht gut.

In Startups wird der betreffende Projektteil dann einfach platt gemacht oder zumindest stark verändert. Weil “platt machen” nicht so gut klingt, sagt man stattdessen “pivot”. Die Designer*innen und Entwickler*innen verändern den Fokus des Projekts und dessen Lösungsansatz und das entstandene Produkt unterscheidet sich mitunter stark von der ursprünglichen Idee.

 

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In klassischen WissKomm-Strukturen hingegen landet man oft beim “Das haben wir schon immer so gemacht, das machen wir so weiter.” So werden weiter Flyer gedruckt, die niemand liest, Broschüren für Papierkörbe an anderen Orten verschickt oder Informationen auf Webseiten geschrieben, die niemand findet. Erst recht wenn eine Förderung für ein Projekt einmal eingeworben wurde, dann wird dieses Projekt auch auf Teufel-komm-raus durchgezogen. Die Strukturen lassen eine Änderung gar nicht mehr zu.

Das müssen wir ändern. Es lohnt sich, mal ausgiebig Zöpfe abzuschneiden – weil sie keine Menschen erreichen, viel zu viel Ressourcen binden oder einfach nicht mehr zum neuen Konzept passen. Denn auch wenn Zeit und Geld vorhanden sind, um einen Newsletter zu schreiben, der nie gelesen wird, so führt das doch zu langfristiger Demotivation der für den Newsletter verantwortlichen Person. Wer ineffektive Kommunikationsformen fallen lässt, macht nicht nur bessere Wissenschaftskommunikation, sondern befreit auch Ressourcen und schont die Psyche der Mitarbeiter*innen.

Nicht jedem Hype hinterher laufen

Kommen wir zu ein paar Aspekten, die wir als Wissenschaftskommunikator*innen besser in der Welt der Startups lassen. Sowas wie Hypes zum Beispiel.

Es ist mittlerweile fast schon Tradition, bei Startup-Präsentationen eine Runde Bullshit-Bingo zu spielen. Augmented Reality eMobility Blockchain in der Cloud – ding ding ding bingo! Solche Buzzwords sind oft nur ein Versuch, alle aktuellen Hypes mitzunehmen. Expertise in den jeweiligen Technologien, oder gar ein grundlegender Bedarf an diesen, ist zweitrangig. Wichtig ist nur, mit den neuesten Trends zu beeindrucken.

In der WissKomm sind das zum Beispiel die neuesten Internetplattformen – zugegebenermaßen, mit einer großen Verzögerung zu dem, was tatsächlich gerade Menschen bewegt. Auf einmal muss alles Video sein, oder interaktiv, oder ausschließlich für Mobilgeräte. Es gibt mit Sicherheit eine WissKomm-Anwendung von interaktivem Video auf dem iPhone, doch ist es unwahrscheinlich, dass das für jedes einzelne Projekt so ist. Genauso unwahrscheinlich ist es, dass jedes Team die Expertise besitzt, die aktuell gehypte Technologie umzusetzen.

Bei aller Liebe für Innovation und neue Methoden – man darf auch nicht die eigenen Stärken aus den Augen verlieren. Hat man eine begnadete Print-Designerin im Team, dann kann es sich lohnen, entgegen dem Digital-Hype sehr gute Print-Publikationen zu bauen. Wir brauchen eine gesunde Balance zwischen aktueller Entwicklung und etablierten Methoden. Dazu gehört auch, sich in neue Methoden einzuarbeiten oder sich aktiv dagegen zu entscheiden.

Nachhaltige Strategien

Ein (leider nah an der Wahrheit liegendes) Klischee besagt, dass Startups nur existieren, um Venture Capital zu verbrennen. Man reitet so lange auf der Welle des Hypes bis das Kapital aufgebraucht ist und springt dann hoffentlich erfolgreich ab – der gesellschaftlicher Mehrwert bleibt dabei auf der Strecke.

Geld ist in der WissKomm vielleicht nicht so verfügbar wie in der Startup-Blase, aber auch hier gibt es genug Projekte, die über einen Zeitraum von wenigen Monaten bis Jahren gedacht sind, und die in dieser Zeit einen Haufen Geld ausgeben. Am Ende bleibt dann oft außer einer feinen Abschlussveranstaltung nicht viel übrig.

Wäre es nicht viel schöner, stattdessen in langfristigen Strategien zu denken? Anstatt einer Veranstaltung machen wir eine Veranstaltungsreihe, anstatt einer Website ein Online-Magazin und anstatt ein Film-Team für eine Woche zu bezahlen, bringen wir den Forscher*innen bei, sich mit ihren Smartphones selbst zu filmen. Oft braucht es nur den Willen, aus einer einmaligen Idee eine langfristige Sache zu machen. Manchmal entscheiden aber die Förderungsgeber*innen, für was Geld da ist – und das ist eben manchmal nur eine einmalige Nummer.

Doch auch hier kann Nachhaltigkeit hergestellt werden – in der Form von offener Dokumentation und Anleitung. Für die interne Arbeit empfiehlt es sich ohnehin, Prozesse sinnvoll zu beschreiben. Es ist nicht besonders viel Arbeit, aus dieser Prozessbeschreibung ein öffentlich zugängliches Dokument zu machen. Mit einer Anleitung können andere das Projekt fortführen, selbst wenn die Köpfe dahinter selbst nicht mehr die Ressourcen dafür haben. Da in der WissKomm so gut wie alle Förderung öffentlich ist, ist es eigentlich ohnehin geboten, auch das erlangte Wissen öffentlich zugänglich zu machen.

Ich selbst habe das in meinem oben erwähnten Workshop auch getan. Bei pflanzenforschung.de könnt Ihr Euch eine Anleitung herunterladen, die Euch erklärt, wie man als Forschende einen YouTube-Kanal für die Forschungskommunikation aufbaut. Das PDF basiert auf dem Skript, das ich ohnehin für den Workshop angefertigt habe. Es war nur wenig Aufwand, daraus ein allgemein nützliches Skript zu bauen – das hoffentlich ein paar anderen Wissenschaftskommunikator*innen die Arbeit erleichtert.

Fazit (oder auch tl;dr.)

Startups haben der WissKomm voraus, dass sie selbstkritisch und eigenverantwortlich in flachen Strukturen mit neuen Methoden arbeiten. Sie sind aber auch anfällig für Hypes und kurzfristig gedachte Ressourcenverschwendung. Die Wissenschaftskommunikation tut gut daran, sich ein paar der Startup-Rosinen rauszupicken und von den ebenfalls existenten Fehlern der Startup-Kultur zu lernen.

Und wenn ich mir nur eine Sache wünschen könnte, die ab sofort in jedem WissKomm-Projekt an erster Stelle steht, dann wäre das die Selbstreflexion. Stellt in Frage, was Ihr tut, ob Ihr Eure Ziele damit erreicht und ob Eure Methoden die besten sind. Dann wäre schon viel gewonnen.

Dieser Artikel wurde aktualisiert am 25 Januar 2020

Joram Schwartzmann

Joram Schwartzmann ist Wissenschaftskommunikator aus Berlin. Er beschäftigt sich mit Pflanzenbiologie und Forschungskommunikation.